Band 07 - Fredy Budzinski

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Franz, Renate (2007): Fredy Budzinski Radsport-Journalist, Sammler und Chronist. Schriftenreihe der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln, Band 7. SPORTVERLAG Strauß, Köln. ISBN 978-3-939390-43-5

Fredy Budzinski - Journalist, Autor und Sammler

Fredy Budzinski
Der junge Fredy Budzinski (M.) als Radfahrer im Berliner Grunewald


Zu Lebzeiten wurde Fredy Budzinski (1879-1970) in deutschen Radsportkreisen ''Nestor des deutschen Radsports” genannt. Sein eigentlicher Beruf war Journalist, aber seine Tätigkeiten und Verdienste für den Radsport anhand dieser Bezeichnung zu umschreiben, würde ihm nicht gerecht werden. Er war in seiner Jugend selbst Rennfahrer, schrieb zahlreiche Bücher und Gedichte zum Thema, war Funktionär, Erfinder, Lobbyist, Organisator und Sammler. Der Radsport in all seinen Facetten war sein Lebensinhalt.

Heute allerdings ist Budzinskis Name kaum noch ein Begriff. Er hinterließ zwar eine umfangreiche Sammlung zum Thema Radsport mit tausenden von Fotos, Dokumenten, Programmen, Zeitungsausschnitten und vielen anderen Erinnerungsstücken. Und die Deutsche Sporthochschule Köln erwarb diese Sammlung nach Budzinskis Tod, wo sie allerdings 30 Jahre lang ein Schattendasein führte.

Fredy Budzinski wurde 1879 in Berlin geboren. Seine Eltern waren weder besonders technik- noch radsportbegeistert. Anders der sportliche Sohn: Der wünschte sich schon mit vier Jahren (vergeblich) sein erstes Fahrrad zu Weihnachten, war der beste Turner der Schule und fuhr mit 16 Jahren heimlich sein erstes Radrennen. Für dieses ''Vergehen'' wäre er damals um ein Haar von der Schule verwiesen worden1.1.

Der Radsport steckte zu dieser Zeit noch in seinen Kinderschuhen: Um das Geburtsjahr Budzinskis herum entstanden die ersten Radrennbahnen für sportliche Zwecke in den USA und Europa, die ersten Radsport-Vereine wurden gegründet, die ersten ''Niederräder'' entstanden und der Ire John Boyd Dunlop fertigte den ersten Luftreifen an. Und 1886 fand in München das erste Radrennen mit Berufsrennfahrern statt1.2.

Der junge Budzinsk begann 1895 eine kaufmännische Ausbildung in der Berliner Velociped-Fabrik. Vier Jahre später fuhr er sein erstes Rennen als Amateur auf der Radrennbahn in Berlin-Treptow. Um sein Wirken würdigen zu können, muss man z.B. wissen, dass Budzinski diese Radrennbahn später ''Nudeltopp'' taufte und sich diese Bezeichnung über Jahrzehnte als Spitznamen bei den Berlinern behauptete.

Von 1901 bis 1904 war Budzinski Berufsrennfahrer und Schrittmacher arbeitete aber nebenher als Journalist bei der Zeitschrift Rad-Welt und als Autor, engagierte sich als Funktionär und Organisator. Nach seinem Rücktritt vom aktiven Sport fungierte er als Vorsitzender des Rennfahrer-Verbandes. Nahezu 20 Jahre lang (mit einer Unterbrechung durch den Weltkrieg), bis 1924, war er für die Rad-Welt tätig, anschließend wurde er Chefredakteur der Verbandszeitung Bundeszeitung. 1923 war Budzinski auch einer der ersten Sportsprecher im Rundfunk. 2mal reiste er vor dem 1. Weltkrieg nach Ägypten, eine für die damalige Zeit abenteuerliche Unternehmung1.3.

Bis zum 1. Weltkrieg, von 1902 bis 1914, verfasste Fredy Budzinski z.B. zwölf Sportalben der Rad-Welt, in denen die Geschehnisse eines Jahres zusammengefasst wurden, 35 Biografien von Rennfahrern sowie mehr als zehn weitere Bücher wie etwa 25 Jahre deutscher Radrennsport, Helden der 6-Tage-Schlacht oder Ernstes und Heiteres aus dem Rennfahrerleben.

Besondere Erwähnung verdienen seine über 300 Gedichte zum Thema Radsport. Budzinski ist meinem Wissen nach der einzige, der eine derartige Fülle an Radsport-Gedichten geschrieben hat. Hier eine Kostprobe:

Die vier Ersten kriegen Preise
Sterne werden sie genannt
Und die, welche fortgefallen
Sind die ''Schnuppen'', wie bekannt

Heute wirken diese mit Herzblut geschriebenen Werke allerdings eher komisch.

Diese Bücher, seine akribisch geführten Statistiken von Radrennen sowie die Sammlung von Lebensdaten vieler Rennfahrer bilden bis heute die Basis dessen, was über die Geschichte des Radsports in seinen Anfängen bis in die 20er Jahre hinein bekannt ist.

1908 bildete sich ein Konsortium von Sport- und Finanzleuten, um das 6-Tage-Rennen nach Berlin zu holen, das damit das erste in Europa war. Budzinski war eine der treibenden Kräfte, und bis in die 30er Jahre als Pressechef dieser Veranstaltung tätig.

Sein besonderes Verdienst war die Erfindung des bis heute bekannten Punkte-Systems beim 6-Tage-Rennen im Jahre 1914. Nach dieser ''Berliner System'' genannte Punktewertung wird bis heute bei 6-Tage-Rennen verfahren. Der grundlegende Gedanke war, dass es nicht einfach darum gehen sollte, in sechs Tagen eine möglichst große Strecke hinter sich zu bringen, sondern diese Fahrt mit einer über die vollen 144 Stunden laufenden Punktewertung zu strukturieren und so für das Publikum interessanter zu machen. Wenn das Fahrrad, das Budzinski liebevoll ''la petite reine'' (die kleine Königin'') nannte, die große Leidenschaft seines Lebens war, so war das 6-Tage-Rennen der Höhepunkt dieser Leidenschaft1.4.

Fredy Budzinski
Budzinski in seinem Büro als Pressesprecher der Olympischen Spiele in Berlin 1936


Budzinski interessierte sich nicht nur für Radsport, sondern für alle technischen Neuerungen seiner Zeit, besonders für die Entwicklung der Fliegerei. Den ersten Mondflug verfolgte Budzinski 90jährig am Fernsehen, überzeugt, dass dieses Ereignis ohne die Erfindung des Fahrrades nicht möglich gewesen wären1.5.

1919 heiratet Budzinski eine Jüdin. 1933 verlor er deshalb seine Stellung als Chefredakteur der Bundeszeitung sowie die als Pressesprecher des Vereins Deutscher Fahrrad-Industrieller.

In dieser Situation half ihm die Unterstützung von Carl Diem. Durch dessen Fürsprache wurde Budzinski Mitarbeiter in der Pressestelle der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Später erhielt Budzinski seine Zulassung als ''Schriftleiter'' zurück und konnte Chefredakteur der Zeitschrift Illustrierter Radrennsport werden. Er trat damit an die Stelle des jüdischen Journalisten Erich Kroner, der verhaftet und in das KZ Oranienburg gebracht worden war. Der Illustrierte Radrennsport wurde 1938 in Der deutsche Radfahrer umbenannt, Budzinski blieb bis 1944 Chefredakteur.

Auch aufgrund der Hilfe Diems überlebte Budzinskis Familie den antijüdischen Terror. 1938 schrieb Budzinski an Diem, der heute wegen seines Verhaltens zwischen 1933-1945 umstritten ist: ''Sie haben sich meiner in einer Zeit angenommen, in der ich zum zweiten Male aus meiner Laufbahn geworfen wurde, weil ich vor zwanzig Jahren noch nicht wusste, welche minderwertige Frau ich einmal haben würde. Sie wissen, dass ich treu sein kann und ich werde es Ihnen stets bleiben, gleichviel wo ich tätig bin oder untätig Zeit habe, über das Unbegreifliche nachzudenken.'' Nach dem Krieg versicherte er Diem: ''Wenn Sie sich damals (Dezember 1935) nicht meiner angenommen und im OK untergebracht hätten, wäre ich als Opfer des Faschismus schmählich untergegangen.''

Bei seinem Tode hinterließ der emsige Sammler seinen riesigen Nachlass bestehend aus Fotos, Unterlagen, Zeitschriften und Büchern, die sein Sohn Klaus der Zentralbibliothek der Sporthochschule Köln übergab.

Im ''Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland'' von 1993 ist die Sammlung wie folgt beschrieben: ''Das Archiv des Radsportlers und Radsport-Journalisten Fredy Budzinski (1879-1970) im Jahre 1971: ca. 200 Ordner mit Presseausschnitten und Abbildungen sowie ca. 200 Monographien und Zeitschriftenjahrgänge zur Radsport-Geschichte von 1881-1968. Anhand dieser Sammlung lässt sich nicht nur die Entwicklung der Sportart, sondern auch die technische Entwicklung des Zweirades seit dem vorigen Jahrhundert verfolgen. Das Archiv begründete die Radsport-Sammlung der Bibliothek.''1.6

Fredy Budzinski und Carl Diem
Budzinski und Carl Diem


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