Band 07 - Fredy Budzinski

Zu Lebzeiten wurde Fredy Budzinski (1879-1970) in deutschen
Radsportkreisen ''Nestor des deutschen Radsports” genannt. Sein
eigentlicher Beruf war Journalist, aber seine Tätigkeiten und
Verdienste für den Radsport anhand dieser Bezeichnung zu umschreiben,
würde ihm nicht gerecht werden. Er war in seiner Jugend selbst
Rennfahrer, schrieb zahlreiche Bücher und Gedichte zum Thema, war
Funktionär, Erfinder, Lobbyist, Organisator und Sammler. Der Radsport
in all seinen Facetten war sein Lebensinhalt.
Heute allerdings ist Budzinskis Name kaum noch ein Begriff. Er
hinterließ zwar eine umfangreiche Sammlung zum Thema Radsport mit
tausenden von Fotos, Dokumenten, Programmen, Zeitungsausschnitten und
vielen anderen Erinnerungsstücken. Und die Deutsche Sporthochschule
Köln erwarb diese Sammlung nach Budzinskis Tod, wo sie allerdings 30
Jahre lang ein Schattendasein führte.
Fredy Budzinski wurde 1879 in Berlin geboren. Seine Eltern waren weder
besonders technik- noch radsportbegeistert. Anders der sportliche
Sohn: Der wünschte sich schon mit vier Jahren (vergeblich) sein erstes
Fahrrad zu Weihnachten, war der beste Turner der Schule und fuhr mit
16 Jahren heimlich sein erstes Radrennen. Für dieses ''Vergehen'' wäre
er damals um ein Haar von der Schule verwiesen worden1.1.
Der Radsport steckte zu dieser Zeit noch in seinen Kinderschuhen: Um
das Geburtsjahr Budzinskis herum entstanden die ersten Radrennbahnen
für sportliche Zwecke in den USA und Europa, die ersten
Radsport-Vereine wurden gegründet, die ersten ''Niederräder'' entstanden
und der Ire John Boyd Dunlop fertigte den ersten Luftreifen an. Und
1886 fand in München das erste Radrennen mit Berufsrennfahrern
statt1.2.
Der junge Budzinsk begann 1895 eine kaufmännische Ausbildung in der
Berliner Velociped-Fabrik. Vier Jahre später fuhr er sein erstes
Rennen als Amateur auf der Radrennbahn in Berlin-Treptow. Um sein
Wirken würdigen zu können, muss man z.B. wissen, dass Budzinski diese
Radrennbahn später ''Nudeltopp'' taufte und sich diese Bezeichnung über
Jahrzehnte als Spitznamen bei den Berlinern behauptete.
Von 1901 bis 1904 war Budzinski Berufsrennfahrer und Schrittmacher
arbeitete aber nebenher als Journalist bei der Zeitschrift Rad-Welt
und als Autor, engagierte sich als Funktionär und Organisator. Nach
seinem Rücktritt vom aktiven Sport fungierte er als Vorsitzender des
Rennfahrer-Verbandes. Nahezu 20 Jahre lang (mit einer Unterbrechung
durch den Weltkrieg), bis 1924, war er für die Rad-Welt tätig,
anschließend wurde er Chefredakteur der Verbandszeitung
Bundeszeitung. 1923 war Budzinski auch einer der ersten Sportsprecher
im Rundfunk. 2mal reiste er vor dem 1. Weltkrieg nach Ägypten, eine
für die damalige Zeit abenteuerliche Unternehmung1.3.
Bis zum 1. Weltkrieg, von 1902 bis 1914, verfasste Fredy Budzinski
z.B. zwölf Sportalben der Rad-Welt, in denen die Geschehnisse eines
Jahres zusammengefasst wurden, 35 Biografien von Rennfahrern sowie
mehr als zehn weitere Bücher wie etwa 25 Jahre deutscher Radrennsport,
Helden der 6-Tage-Schlacht oder Ernstes und Heiteres aus dem
Rennfahrerleben.
Besondere Erwähnung verdienen seine über 300 Gedichte zum Thema
Radsport. Budzinski ist meinem Wissen nach der einzige, der eine
derartige Fülle an Radsport-Gedichten geschrieben hat. Hier eine
Kostprobe:
Die vier Ersten kriegen Preise
Sterne werden sie genannt
Und die, welche fortgefallen
Sind die ''Schnuppen'', wie bekannt
Heute wirken diese mit Herzblut geschriebenen Werke allerdings eher
komisch.
Diese Bücher, seine akribisch geführten Statistiken von Radrennen
sowie die Sammlung von Lebensdaten vieler Rennfahrer bilden bis heute
die Basis dessen, was über die Geschichte des Radsports in seinen
Anfängen bis in die 20er Jahre hinein bekannt ist.
1908 bildete sich ein Konsortium von Sport- und Finanzleuten, um das
6-Tage-Rennen nach Berlin zu holen, das damit das erste in Europa
war. Budzinski war eine der treibenden Kräfte, und bis in die 30er
Jahre als Pressechef dieser Veranstaltung tätig.
Sein besonderes Verdienst war die Erfindung des bis heute bekannten
Punkte-Systems beim 6-Tage-Rennen im Jahre 1914. Nach dieser ''Berliner
System'' genannte Punktewertung wird bis heute bei 6-Tage-Rennen
verfahren. Der grundlegende Gedanke war, dass es nicht einfach darum
gehen sollte, in sechs Tagen eine möglichst große Strecke hinter sich
zu bringen, sondern diese Fahrt mit einer über die vollen 144 Stunden
laufenden Punktewertung zu strukturieren und so für das Publikum
interessanter zu machen. Wenn das Fahrrad, das Budzinski liebevoll ''la
petite reine'' (die kleine Königin'') nannte, die große Leidenschaft
seines Lebens war, so war das 6-Tage-Rennen der Höhepunkt dieser
Leidenschaft1.4.
Budzinski interessierte sich nicht nur für Radsport, sondern für alle
technischen Neuerungen seiner Zeit, besonders für die Entwicklung der
Fliegerei. Den ersten Mondflug verfolgte Budzinski 90jährig am
Fernsehen, überzeugt, dass dieses Ereignis ohne die Erfindung des
Fahrrades nicht möglich gewesen wären1.5.
1919 heiratet Budzinski eine Jüdin. 1933 verlor er deshalb seine
Stellung als Chefredakteur der Bundeszeitung sowie die als
Pressesprecher des Vereins Deutscher Fahrrad-Industrieller.
In dieser Situation half ihm die Unterstützung von Carl Diem. Durch
dessen Fürsprache wurde Budzinski Mitarbeiter in der Pressestelle der
Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Später erhielt Budzinski seine
Zulassung als ''Schriftleiter'' zurück und konnte Chefredakteur der
Zeitschrift Illustrierter Radrennsport werden. Er trat damit an die
Stelle des jüdischen Journalisten Erich Kroner, der verhaftet und in
das KZ Oranienburg gebracht worden war. Der Illustrierte Radrennsport
wurde 1938 in Der deutsche Radfahrer umbenannt, Budzinski blieb bis
1944 Chefredakteur.
Auch aufgrund der Hilfe Diems überlebte Budzinskis Familie den
antijüdischen Terror. 1938 schrieb Budzinski an Diem, der heute wegen
seines Verhaltens zwischen 1933-1945 umstritten ist: ''Sie haben sich
meiner in einer Zeit angenommen, in der ich zum zweiten Male aus
meiner Laufbahn geworfen wurde, weil ich vor zwanzig Jahren noch nicht
wusste, welche minderwertige Frau ich einmal haben würde. Sie wissen,
dass ich treu sein kann und ich werde es Ihnen stets bleiben,
gleichviel wo ich tätig bin oder untätig Zeit habe, über das
Unbegreifliche nachzudenken.'' Nach dem Krieg versicherte er Diem:
''Wenn Sie sich damals (Dezember 1935) nicht meiner angenommen und im
OK untergebracht hätten, wäre ich als Opfer des Faschismus schmählich
untergegangen.''
Bei seinem Tode hinterließ der emsige Sammler seinen riesigen Nachlass
bestehend aus Fotos, Unterlagen, Zeitschriften und Büchern, die sein
Sohn Klaus der Zentralbibliothek der Sporthochschule Köln übergab.
Im ''Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland'' von 1993
ist die Sammlung wie folgt beschrieben: ''Das Archiv des Radsportlers
und Radsport-Journalisten Fredy Budzinski (1879-1970) im Jahre 1971:
ca. 200 Ordner mit Presseausschnitten und Abbildungen sowie ca. 200
Monographien und Zeitschriftenjahrgänge zur Radsport-Geschichte von
1881-1968. Anhand dieser Sammlung lässt sich nicht nur die Entwicklung
der Sportart, sondern auch die technische Entwicklung des Zweirades
seit dem vorigen Jahrhundert verfolgen. Das Archiv begründete die
Radsport-Sammlung der Bibliothek.''1.6
Siehe auch:




